BDO International Business Compass

Index internationaler Standorte für den Mittelstand

Einleitung

Noch vor zwei Jahrzehnten war die Konkurrenz eines Unternehmens üblicherweise auf einen relativ überschaubaren Markt beschränkt. Deutsche Unternehmen konkurrierten klassischerweise mit anderen Unternehmen des deutschsprachigen Raums in Europa.[1] Aufgrund von rasanten Entwicklungen in den Informations- und Kommunikationstechnologien wie Computerisierung, Internet und Mobiltelefonie verringerten sich die Transaktionskosten signifikant, was sich in gesunkenen Produktions- und Transportkosten von Gütern und Dienstleistungen niederschlägt.[2] Im Ergebnis agieren nicht mehr nur internationale Konzerne auf globaler Ebene, sondern auch mittelständische Unternehmen aus Deutschland, die längst ein Teil der international verflochtenen Wirtschaftsbeziehungen sind. Das Zeitalter der Globalisierung, also der Internationalisierung von Volkswirtschaften, ist allgemein durch intensivere Handelsbeziehungen, gestiegene internationale Faktormobilität und stärkere Konkurrenz um günstige Rahmenbedingungen und Standorte gekennzeichnet.[3] So sind auch mittelständische Unternehmen stets auf der Suche nach guten Geschäften; beispielsweise entdeckt der deutsche Mittelstand gerade den afrikanischen Kontinent als interessanten Wachstumsmarkt.[4] Globalisierung ist "ein Synonym für einen unumstößlichen Trend zur internationalen Vernetzung von Unternehmen, eine zunehmende internationale Konkurrenz auch auf deutschen Märkten, und sogar den Zwang, auf internationalen Märkten tätig zu werden, um inländische Marktanteilsverluste auszugleichen."[5]

Bevor sich ein Unternehmen dazu entschließt, in einen neuen Markt zu investieren, werden üblicherweise zahlreiche sehr unterschiedliche Aspekte beleuchtet. Für die Entscheidung, über die nationalen Grenzen hinaus aktiv zu werden (oder ein bestehendes Engagement auszubauen), müssen vielfältige Informationen gesammelt, verarbeitet und bewertet werden. Zum Beispiel muss das Potenzial eines neuen Absatzmarktes oder Produktionsstandortes im Vorhinein möglichst korrekt abgeschätzt werden. Besonders Investitionen in weniger entwickelten Ländern erfordern bestimmte Anpassungen. So muss beispielsweise die Produktpalette hiesiger Unternehmen auf die dortigen Verhältnisse aus relativ teurem Kapital und relativ billiger Arbeitskraft angepasst werden, um auf diesem Markt Erfolg haben zu können.[6] Mögliche Risikofaktoren sollten bestenfalls vorher erkannt werden. Selbstverständlich sind derartige Entscheidungen sehr individuell. Abhängig von der jeweiligen Branche sind die Anforderungen an einen potenziellen Produktionsstandort oder Absatzmarkt sehr unterschiedlich. Als Konsequenz kann ein Aspekt für ein Unternehmen eine herausragende Rolle spielen, während derselbe für ein anderes vernachlässigbar ist. Aber auch unternehmensinterne Faktoren, wie die Unternehmensgröße oder die Verfassung des Unternehmens, beeinflussen die individuelle Bewertung der einzelnen Aspekte ganz entscheidend.

Trotz der individuellen Unterschiede zwischen Unternehmen gibt es aber Faktoren, die mit hoher Wahrscheinlichkeit für viele, wenn nicht sogar für alle Firmen eine Rolle spielen. Der BDO International Business Compass beabsichtigt, die gesamtgesellschaftliche Situation eines Landes einzuschätzen und eine erste Orientierung zu bieten. Außerdem ordnen Teilindizes die Länder hinsichtlich ihres Potenzials als Absatzmarkt beziehungsweise Produktionsstandort ein. Somit bekommt der Leser einerseits ein Gefühl für die allgemeine Lage/Verfassung eines ihm möglicherweise weniger vertrauten Landes und andererseits einen ersten Eindruck in Bezug auf spezifischere Fragestellungen. Was der BDO Compass und die Teilindizes nicht leisten können, ist eine konkrete Handlungsempfehlung für ein bestimmtes Einzelunternehmen einer bestimmten Branche hinsichtlich eines bestimmten Landes zu geben.

Die relative Attraktivität eines Standortes, hier eines Landes, im Vergleich zu anderen Standorten, also anderen Ländern, hängt von vielen Faktoren ab, die sich in ökonomische, politische und soziale Rahmenbedingungen einteilen lassen. Diese Faktoren wiederum sind entscheidend für Investitionen, sowohl zur Erschließung eines neuen Absatzmarktes als auch eines neuen Produktionsstandortes.  Die ökonomischen Rahmenbedingungen einer Volkswirtschaft, wie die öffentliche Verschuldung, Inflationsrate oder das Pro-Kopf-Einkommen, belegen, ob sich das Land in ruhigem Fahrwasser befindet oder schon bald mit einem Sturm zu rechnen ist. Gleiches gilt auch für die politische Lage eines Landes. Politische Instabilität, in der es zu einem Machtvakuum und Zerwürfnissen zwischen verschiedenen politischen Lagern kommt, ist ein ungünstiges Umfeld für mittel- oder langfristige Investitionen. Letztlich sind auch soziale Faktoren wie Gesundheit und Bildung wichtige Indikatoren für die Verfassung eines Landes. Während man einerseits einen Staat über die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Rahmenbedingungen klassifizieren kann, sind für Investitionsentscheidungen ähnliche Faktoren wichtig, aber möglicherweise in einer anderen Zusammensetzung. Ein zukünftiger Absatzmarkt muss sicherlich andere Qualitäten aufweisen als ein zukünftiger Produktionsstandort.

Im folgenden Kapitel werden mögliche Promotoren wie Inhibitoren des Internationalisierungsprozesses von kleinen und mittleren Unternehmen aus Deutschland beleuchtet. Kapitel drei widmet sich dem theoretischen Grundgerüst der Indexerstellung. Dabei werden die ausgewählten Indikatoren theoretisch begründet, die konkrete Datenauswahl kommentiert und die methodologisch notwendigen Schritte zur Datenaggregation erläutert.  Im vierten Kapitel werden die zentralen Ergebnisse der Indexbildung allgemein und für die einzelnen Kontinente vorgestellt. Abschließend wird der BDO Compass vor dem Hintergrund ähnlicher, aber doch andersartiger Indizes bewertet.



1 Vgl. Ahlstrom/Bruton (2010), 2-3.

2 Vgl. Ahlstrom/Bruton (2010), 8-9.

3 Vgl. Gerum (2000), 275.

4 Vgl. Financial Times Deutschland (2012), 2.

5 Meyer (2005), 7.

6 Vgl. Handelsblatt (2012), 48-49.